8. Türchen im Familien-Adventskalender

Masouds Geschichte

8. Dezember: Masouds Geschichte

Wir wissen nicht, wo unsere Familie ist

Die Taliban wollten uns töten, weil mein Vater, meine zwei Brüder und ich als Schneider für die ISAF¹ gearbeitet haben.

2014 zog die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe aus Afghanistan ab, und wir machten mit unserer privaten Schneiderei weiter. Doch dann kam ein Brief: Wir hätten den Tod verdient, weil wir mit der ISAF¹ zusammen gearbeitet haben. Zwei Wochen später kamen die Taliban zu uns ins Geschäft und verlangten von meinem Vater seine Söhne und viel Geld. Mein Vater hatte große Angst. Mein älterer Bruder floh zwei Tage später mit dem Geld, das wir noch zu Hause hatten. Wir gingen zu meiner Tante und versteckten uns. Mein Vater verkaufte das Haus, und zwei Wochen später flohen mein jüngerer Bruder Amir und ich nach Deutschland.

Unsere Familie war für uns immer sehr wichtig. Nun haben wir keinen Kontakt mehr zu meinem älteren Bruder und wissen nicht, wo er sich aufhält, nicht einmal, ob er überhaupt noch lebt. Wir machen uns große Sorgen um ihn und den Rest der Familie in Afghanistan, von der wir auch nichts wissen. Und wir können auch keinen Kontakt zu ihnen aufnehmen: Wenn die Taliban davon erfahren würden, würden sie unsere Familie unter Druck setzen und bedrohen.

In der Ablehnung meines Asylantrags steht, dass das Bundesamt meine Arbeit für die ISAF¹ anerkennt. Aber ich hätte nur als Schneider gearbeitet – und das sei doch kein Problem. Es wäre etwas anderes, wenn ich Dolmetscher gewesen wäre. Das ist aber Quatsch. Denn egal, ob du Schneider, Koch, Dolmetscher oder Arzt bei der ISAF¹ warst, es macht für die Taliban keinen Unterschied. Wir können in Afghanistan nicht sicher als Familie leben.

Wir haben alles aufgegeben: die Wohnung, unsere Arbeit und vor allen Dingen unsere Familie. In Deutschland haben wir wieder bei Null angefangen. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt und wir wissen nicht, wo unsere Familie ist und wie es ihr geht. Das macht uns sehr unglücklich.

¹International Security Assistance Force bzw. Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe.

Bildquelle: Istvan Csak / Shutterstock.com

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.