4. Türchen im Familien-Adventskalender

Salahs Geschichte

4. Dezember: Salahs Geschichte

„Mein Herz sagte mir, dass sie dabei sind“

Für unsere Tochter Zuzu haben wir uns eine gute Zukunft gewünscht. Wenn du siehst, dass dein eigenes Kind kein richtiges Leben hat, wenn es in deiner Heimat keine Sicherheit mehr gibt – was sollst du da tun? Heute wäre Zuzu vier Jahre alt. Sie hätte einen kleinen Bruder.

In Syrien sollte ich für das Regime kämpfen und töten. Deshalb bin ich im Mai 2015 geflohen. Ich war mir sicher, meine Familie schnell nach Deutschland nachholen zu können. Meine Frau Fidan war schwanger, ich wollte sie und Zuzu auf keinen Fall gleich mitnehmen - die Flucht übers Meer ist lebensgefährlich.

Wir hielten über Handy Kontakt. Meine Tochter hat mich ständig gefragt, ob Deutschland wirklich schön ist. „Wenn da Bomben fallen wie in Syrien, dann möchte ich nicht kommen“, hat sie gesagt.

Es dauerte neun Monate, bis ich meinen Asylantrag stellen konnte. Während meine Unterlagen unbearbeitet auf irgendeinem Stapel lagen, gab es eine neue Regelung für uns Syrer, und mir wurde nur ein „subsidiärer Schutz“ zugesprochen. Das heißt: Ich habe kein Recht, meine Familie zu mir zu holen, sie in Sicherheit zu bringen.

Meine Frau konnte im Dezember 2016 nicht länger in Aleppo bleiben. Also machte sie sich mit den beiden Kindern – mein Sohn Bayram war inzwischen fast ein Jahr alt – auf den Weg in die Türkei, während ich in Deutschland gegen meinen Asylbescheid klagte. Nach weiteren drei Monaten war Fidan so verzweifelt, dass sie nur noch die Flucht über das Meer als Ausweg sah.

Als ich Fidan eines Tages nicht übers Handy erreichte, hatte ich ein sehr schlechtes Gefühl. Ich suchte im Internet nach Nachrichten aus der Türkei. Und dann las ich es: Einundzwanzig Menschen sind ums Leben gekommen, ertrunken vor der türkischen Küste. Mein Herz sagte mir, dass sie dabei sind. Das Schlauchboot war nach dreihundert Metern umgekippt. Fidan, Zuzu und Bayram ertranken im Mittelmeer. Ich konnte nicht zu ihrer Beerdigung, weil ich kein Visum bekam. Trotzdem sollte ich 3000 Euro für ihre Überführung nach Syrien bezahlen. Meine Familie wurde in unserer Heimat Aleppo beigesetzt.

Die Klage gegen meinen Asylbescheid ist noch immer nicht entschieden, aber ich habe wohl gute Chancen, doch noch einen „richtigen“ Flüchtlingsschutz zu bekommen. Mit Recht auf Familiennachzug. Doch wozu noch?

Die Geschichte wurde in der ARD-Sendung „Panorama“ ausgestrahlt.
http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2017/Kein-Familiennachzug-Von-der-Willkommenskultur-zur-Abschreckung,familiennachzug106.html

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.