22. Türchen im Familien-Adventskalender

Alis Geschichte

22. Dezember: Alis Geschichte

Familie: Heimat in der Fremde

Meine Frau Souheila und ich sind schon alt. Fast siebzig Jahre haben wir im Iran gelebt. Unser Land zu verlassen, ist uns natürlich sehr schwer gefallen. Aber die Drangsalierungen gegen uns Christen sind immer schlimmer geworden. Wir konnten unseren Glauben nur heimlich und versteckt leben. Unsere drei erwachsenen Kinder sind deswegen schon vor einigen Jahren geflohen und hier in Deutschland als Flüchtlinge anerkannt worden. Mahdi, unser Ältester, engagiert sich im Kirchengemeinderat in seiner Stadt, das freut uns besonders.

Wir konnten ein Visum für Europa bekommen. Die französische Botschaft in Teheran hat es uns ausgestellt. So sind wir direkt nach Hamburg geflogen – eine Flucht auf dem Landweg hätten wir beide nicht geschafft. Souheilas Nieren funktionieren nicht gut, und vor kurzem hatte sie sogar einen Herzinfarkt. Und auch meine Gesundheit nimmt ab. Wir waren so froh, wieder bei unseren Kindern zu sein. Sie unterstützen uns gut, sie sind unsere Heimat hier in der Fremde.

Aber dann kam die Post, dass wir nach Frankreich gehen müssten, um dort Asyl zu beantragen, weil unser Visum von der französischen Botschaft erteilt wurde. Ein Rechtsanwalt hat versucht, zu erklären, dass wir unsere Kinder brauchen, aber das Gericht ist dabei geblieben: Wir sollten nach Frankreich. Mein Leben wurde schwarz in diesem Moment. Ich wollte es lieber ganz beenden als wieder getrennt von unseren Kindern zu sein. Aber mein Sohn hat mich noch rechtzeitig gefunden, ich war dann mehrere Wochen im Krankenhaus.

Mahdi hat seine Kirchengemeinde um Hilfe gebeten und die Gemeinde hat uns Kirchenasyl gewährt. Nachdem die Kirche noch einmal beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für uns vorgesprochen hat, kam endlich die erlösende Nachricht:

„Aufgrund der außergewöhnlichen geschilderten Umstände des Einzelfalls wird zur Vermeidung von besonderen humanitären Härten in diesem Fall das Selbsteintrittsrecht zu Gunsten von […] ausgeübt und der Antrag auf internationalen Schutz in der Bundesrepublik Deutschland geprüft.“

Unsere Heimat in der Fremde wird uns nicht genommen. Gott sei Dank!

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.