21. Türchen im Familien-Adventskalender

Anoshas Geschichte

21. Dezember: Anoshas Geschichte

Kein Zuhause ohne mein Kind

Meine Familie und ich kommen aus Afghanistan. Ich bin Mutter von vier Söhnen. Mein ältester Sohn Ali ist schon vor vielen Jahren vor den Taliban geflohen. Sie bedrohten ihn mit dem Tod, weil er für die Amerikaner als Dolmetscher gearbeitet hatte. Er lebt hier in Deutschland und ist als Flüchtling anerkannt. Nachdem er weg war, versuchten die Taliban, meine beiden jüngeren Söhne zu rekrutieren. Eine Weigerung hätte für meine ganze Familie fatale Folgen gehabt, also beschlossen wir, gemeinsam zu meinem Sohn Ali nach Deutschland zu fliehen. Auf der Flucht über die Ukraine und Ungarn erlebten wir viele schreckliche Dinge. Trotzdem schafften wir es schließlich als Familie nach Deutschland und beantragten hier Asyl. Aber unsere Anträge wurden abgelehnt: Gemäß der „Dublin III-Verordnung“ ist Ungarn für die Bearbeitung zuständig. Bald nach dem Brief kam früh am Morgen die Polizei in die Unterkunft und nahm Mehdi, einen meiner Söhne, mit. Egal, was wir sagten oder taten, wir konnten es nicht verhindern. Weil Mehdi schon volljährig ist, ist es gesetzlich erlaubt, ihn von uns zu trennen, unsere Familie zu zerstören. Unser Anwalt traf zu spät am Flughafen ein. Die Maschine war schon auf dem Weg nach Ungarn.

Meine zwei anderen Söhne, mein Mann und ich erhielten Schutz im Kirchenasyl. Ich bin sehr krank. Wir waren in Ungarn im Gefängnis und haben Gewalt erlebt. Wir wollten bei unserem hier lebenden Sohn Ali sein. Nach dem Kirchenasyl konnten wir endlich in Deutschland unseren Asylantrag stellen und dürfen wahrscheinlich bleiben. Aber ich habe große Angst um meinen Sohn Mehdi. Wie soll ich hier ein neues Zuhause für mich und meine Familie aufbauen, wenn ich weiß, dass mein Kind in Ungarn im Gefängnis sitzt?

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.