20. Türchen im Familien-Adventskalender

Merhawits Geschichte

20. Dezember: Merhawits Geschichte

„Er kannte seinen Vater nur vom Telefon“

Mein Mann Bereket sollte Soldat werden. In Eritrea bedeutet das, dass man sein Leben lang nicht mehr aus dem Militär ‘rauskommt. Also beschlossen wir, dass er mit unseren beiden älteren Söhnen das Land verlassen sollte. Mit Habtom, unserem einjährigen Sohn, wollte ich dann nachkommen, wenn er etwas älter geworden war. Aber es kam ganz anders.

Kurze Zeit nach der Flucht meines Mannes wurden Habtom und ich von der Militärpolizei festgenommen und in ein Gefängnis gebracht. Nach zwei Monaten wurde Habtom sehr krank und ich kämpfte eine Woche lang darum, mit ihm zum Arzt zu dürfen. Am Ende ließ man uns mit einem Soldaten ins Krankenhaus gehen, damit seine Lungenentzündung behandelt werden konnte. Dabei gelang es uns zu fliehen. Nach drei Jahren Flucht über den Sudan, Libyen und Italien erreichten wir Norwegen. Dort wurde unser Asylantrag abgelehnt und wir flohen erneut – diesmal nach Hamburg.

Doch auch hier konnten wir nicht bleiben, sondern sollten zurück nach Norwegen, wo wir uns vor der Abschiebung nach Eritrea fürchteten. Ein Kirchenasyl bewahrte uns davor. Im Herbst 2016 erfuhr ich, dass Bereket es mit den beiden Größeren nach Italien geschafft hatte. Im November kamen sie nach Hamburg und nach fünf Jahren sahen wir uns endlich wieder. Habtom kannte seinen Vater und seine Brüder bis dahin nur vom Telefon.

Das ist jetzt ein Jahr her, aber wir leben noch immer nicht als Familie zusammen. Eine Dreiviertelstunde liegen unsere Unterkünfte auseinander. Die Behörden haben uns gesagt, dass es wahrscheinlich noch ein Jahr dauern wird, bis eine Wohnung für uns frei ist.

Ich möchte endlich wieder mit meiner Familie zusammenleben.

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.