19. Türchen im Familien-Adventskalender

Behnaz‘ Geschichte

19. Dezember: Behnaz‘ Geschichte

Nicht „im Sinne des Art. 2 Buchstabe g Dublin III-VO“

Ich bin Behnaz und bin 25 Jahre alt. Meine Familie in Afghanistan war arm. Trotzdem haben meine Eltern alles dafür getan, dass wir Kinder eine gute Bildung erhalten. Nicht nur dafür bin ich ihnen unendlich dankbar. Ich liebe meine Familie über alles.

Meine ältere Schwester Mahsa ist in die Politik gegangen. Sie hat sich für Frauenrechte eingesetzt. Das ist nicht einfach in Afghanistan, und ich bin sehr stolz auf sie. Auch ich habe nach meinem Studium in einem Ministerium gearbeitet. Aber dann nahm der Druck der Taliban auf uns zu, und nachdem wir Opfer eines gezielten bewaffneten Angriffs geworden waren, mussten wir das Land verlassen. Meine Schwester hat in ihrem Job Sicherheitsleute, die sie beschützen. Aber meine Eltern, mein 16-jähriger Bruder Arash und ich sind geflohen. Die Flucht war hart, besonders für meinen Vater, der schwer leberkrank ist.

In Italien wurden wir registriert. Aber in Deutschland leben bereits viele Verwandte von uns, und so sind wir weitergezogen. Hier in Norddeutschland sind wir glücklich. Meine Eltern und Arash wurden als politische Flüchtlinge anerkannt. Für mich aber kam der „Dublin-Bescheid“: Ich sollte zurück nach Italien. Ohne meine Familie. Mir ging es sehr schlecht deswegen. Eine Kirche hat mir Schutz gewährt. Aber auch ihre Bitte an die Behörden blieb zunächst erfolglos. Das Bundesamt schrieb: „Die Eltern sowie der minderjährige Bruder der Antragstellerin sind in Deutschland bereits anerkannte Flüchtlinge. Die Tatsache, dass sich Verwandte in Deutschland aufhalten, kann nicht zur Ausübung des Selbsteintrittsrechts führen, da kein Abhängigkeitsverhältnis zu diesen Personen erkennbar ist […] Im vorliegenden Fall handelt es sich […] nicht um Familienangehörige im Sinne des Art. 2 Buchstabe g Dublin III-VO. Dementsprechend sind keine individuellen Härtefallgründe erkennbar, die gegen eine Überstellung nach Italien sprechen.“

Ich habe diesen Brief nicht verstanden. Ich glaube, die Kirche hat ihn auch nicht verstanden. Warum sollten meine Eltern, mein Bruder und ich nicht eine Familie sein? Die Kirche hat sich weiter für mich und für unsere Familie eingesetzt. Und jetzt endlich kam Post, dass ich meinen Asylantrag in Deutschland stellen darf.

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.