18. Türchen im Familien-Adventskalender

Fereidons Geschichte

18. Dezember: Fereidons Geschichte

Wenn die Familie nicht ganz ist, ist alles anders

Was ist das für ein Geräusch? Bevor ich denken kann, laufe ich hinter meinen Brüdern und meiner Frau her. Als wir endlich anhalten, ringe ich um Atem, und langsam setzt mein Gehirn sich wieder in Gang: Das waren Schüsse! Die Grenzpolizei hat auf uns geschossen, auf eine unbewaffnete Gruppe von vielleicht 100 afghanischen Flüchtlingen. Ich suche meine Eltern, meine Schwestern, meinen Bruder, meinen Sohn. Ich kann sie in dem Durcheinander nicht entdecken. Der Schlepper versucht, Ordnung in unsere Gruppe zu bringen. Wir müssen weiter, wir können nicht warten. Meine schwerkranke Mutter, mein Vater, meine Geschwister und mein Sohn werden von der iranischen Grenzpolizei verhaftet und wenig später nach Afghanistan abgeschoben. Wir anderen schaffen es nach Deutschland.

Ich heißt Fereidon. Ich bin 28 Jahre alt und stamme aus Afghanistan.

Hier in Deutschland ist alles anders. Unsere Familie ist nicht vollständig, die Splitterteilchen müssen alle ersetzen: Meine Frau führt den Haushalt anstelle meiner Mutter, ich muss jetzt die Entscheidungen für uns treffen - aber ohne meinen 14-jährigen Bruder, der in der Schule so schnell Deutsch gelernt hat, komme ich nicht gut zurecht. Meine Töchter gehen in eine Schule, die es hier sogar für kleine Kinder gibt. Mein jüngster Bruder schreit jede Nacht nach seiner Mutter.

Im Januar erreicht uns eine schlimme Nachricht: Unser Asylantrag ist abgelehnt worden. Innerhalb von zwei Wochen sollen wir nach Afghanistan zurück, das steht im Brief vom „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“. Der Schrecken steht den Kindern ins Gesicht geschrieben. Meine Frau sagt nichts, aber sie zittert vor Angst. Die Klage gegen den Bescheid gibt uns Aufschub, aber die Anwältin sagt, dass es nicht so aussieht, als würden wir als Flüchtlinge anerkannt werden. Aber nur dann kann mein Sohn zu uns kommen. In Deutschland regnet es oft. Es ist, als weinte der Himmel meine Tränen, die ich nicht mehr habe.

Kurz vor den Schulferien kommt mein jüngster Bruder schon im Flur auf mich zu. Er ist jetzt in der fünften Klasse und hat von allen das beste Diktat geschrieben: nur zwei Fehler! Er ist so stolz. Ich denke an meinen Sohn, der wahrscheinlich nie eine Schule besuchen wird.

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.