16. Türchen im Familien-Adventskalender

Asmaas Geschichte

16. Dezember: Asmaas Geschichte

„Wir Jesiden sind eine Familie“

Mein Name ist Asmaa. Ich bin 21 Jahre alt. Ich bin Jesidin. Gemeinsam mit meinen Eltern und meinen drei jüngeren Geschwistern konnte ich 2014 in letzter Sekunde aus dem Irak fliehen, aber viele andere junge Frauen in meinem Alter fielen damals in die Hände des Islamischen Staats (IS). Sie wurden versklavt und vergewaltigt. Auch Kinder hat der IS mitgenommen. Die Männer haben sie getötet. Wenn ich an sie alle denke, ist es, als wäre mir selbst dieses Leid passiert. Manchmal fühle ich mich schuldig, weil ich überlebt habe.

Wir sind zu Fuß vom Irak in die Türkei gegangen. Sieben Stunden lang mussten wir über die Berge laufen. Meine kleinen Geschwister haben wir einen Teil des Weges getragen. Danach waren wir zwei Jahre lang in der Türkei, bevor wir über Griechenland und Kroatien nach Deutschland kamen. Nur hier gibt es jesidische Gemeinden, die für uns so wichtig sind wie eine Familie. In Kroatien gibt es sie nicht, wir wären gewesen wie ein Leib ohne Glieder.

Doch die deutschen Behörden teilten uns mit, dass wir nach Kroatien zurück müssten. Dort sollten wir unseren Asylantrag stellen. So seien eben die europäischen Gesetze. Sie schoben meine Eltern und meine Geschwister ab. Meine Akte lag wohl in einem anderen Stapel, weil ich schon achtzehn war. Ich blieb allein zurück. Aber gehöre ich nicht mehr zur Familie, nur weil ich volljährig bin? Wie soll ich alleine hier in Deutschland leben?

In Kroatien ging es meiner Familie sehr schlecht, vor allem meiner Mutter, die damals schwanger war. Wenig später flohen sie erneut und kamen zurück nach Deutschland. Obwohl meine Mutter schon im neunten Monat schwanger war, schaffte meine ganze Familie den Weg zu Fuß durch die Wälder, um über die Grenzen zu kommen. Zwei Tage nach ihrer Ankunft wurde mein kleiner Bruder Karl geboren. Jetzt sind wir alle wieder hier in Deutschland. Meine Familie darf hier ihren Asylantrag stellen, das haben die Behörden nun entschieden. Wir waren im Kirchenasyl, alles wurde noch einmal überprüft. Bei mir wird es noch dauern. Wir wissen also noch nicht sicher, ob wir hier bleiben können. Aber wir sind froh, dass wir wieder zusammen sind und auch unsere jesidische Gemeinde haben.

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.