15. Türchen im Familien-Adventskalender

Farhads Geschichte

15. Dezember: Farhads Geschichte

Das Wichtigste ist die Familie

Ich lebe seit zwei Jahren in Deutschland und hatte bisher nur zweimal Kontakt mit meiner Familie. Ich bin gemeinsam mit meinen zwei Brüdern aus Afghanistan geflohen, nachdem drei meiner Cousins von den Taliban getötet worden waren und wir ebenfalls bedroht wurden: Ein Teil meiner Familie hatte für die Regierung gearbeitet. Wir sollten für die Taliban kämpfen. Wären wir nicht geflohen, hätten sie uns getötet. In Pakistan sind meine beiden Brüder und ich getrennt worden. Ich bin dann allein in Deutschland angekommen und weiß bis heute nicht, wo die beiden sind und wie es ihnen geht.

Als meine Familie mich zuletzt aus Afghanistan angerufen hat, erzählte meine Mutter, dass mein 75-jähriger Vater mehrmals von den Taliban verprügelt und bedroht wurde, weil wir geflohen waren. Mein Vater wollte mir das eigentlich nicht erzählen. Ich denke, er wollte nicht, dass ich traurig werde – jetzt, wo ich in einem fremden Land lebe. Meine Eltern haben auch gesagt, dass sie unser Dorf verlassen. Aber ich weiß nicht, wohin.

Nicht nur für mich, für jede und jeden ist Familie sehr wichtig. Meine Brüder und meine Schwestern sind für mich das einzig Wertvolle. Geld oder andere materielle Dinge sind nicht wichtig. Ich möchte mit meiner Familie zusammen sein, aber ich weiß nicht wie. In Afghanistan herrscht seit 45 Jahren Krieg, und ein Großteil der Gebiete, auch unser Dorf, wird von den Taliban regiert. Und es wird nicht besser. Also möchte ich erst einmal Deutsch lernen, dann eine Ausbildung machen, arbeiten und hier bleiben. Der Stadtteil, in dem ich wohne, ist wie mein Dorf. Ich engagiere mich in einem Begegnungscafé, wo ich viele Leute kennen gelernt habe, die mir geholfen und sich mit mir gefreut haben, als ich nach der ersten Ablehnung doch einen positiven Bescheid bekommen habe. Ich koche dort, helfe im Garten und im Haus und bin ein Teil dieser Wahl-Familie geworden. Denn ohne Familie kann ich nicht leben.

Bildquelle: Orlok / Shutterstock.com

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.