10. Türchen im Familien-Adventskalender

Hadias Geschichte

10. Dezember: Hadias Geschichte

„Heimat in meinem Herzen“

Mein Name ist Hadia. Ich bin 22 Jahre alt und vor fast drei Jahren nach Deutschland gekommen. Meine Familie ist noch in Afghanistan. Ich bin alleine hier und fühle mich oft hilflos. Es wird über mich bestimmt. Mir wird gesagt: „Du bist selbst verantwortlich für dein Leben.“ Ich lebe. Das ist gut. Und doch frage ich mich, ob das mein Leben sein soll. Ich habe kein Zuhause. Meine Heimat trage ich in meinem Herzen. Sie fehlt mir. So wie meine Familie.

Mit der Jahreszeit verändert sich die Stadt. Die Dunkelheit kommt immer früher. Auch in meinem Kopf. Und in meinem Herzen. Ich sehe Plakate, auf denen „Refugees welcome“ steht. Als Flüchtling bin ich anerkannt, aber nicht willkommen. Ich fühle mich müde vom Nichtleben. Müde vom Hoffen. Müde vom Bangen. Für meine Angst werde ich manchmal belächelt, manchmal verurteilt und manchmal in den Arm genommen. Keiner kann meine Angst verstehen. Nicht einmal ich.

Wenn die Angst geht, kommt die Traurigkeit. Und die ist manchmal noch schlimmer. Ich habe einmal gelesen, dass die Traurigkeit eng verwandt ist mit der Hoffnung. Eigentlich ein tröstender Gedanke. Weil dann Hoffnung näher wäre als gedacht. Aber ich verliere sie immer öfter aus den Augen. Ich werde langsam taub und stumpf. Dann vermisse ich meine Familie am stärksten. Und die Angst schleicht um mich herum und flüstert mir zu, dass ich lieber hätte ertrinken sollen.

Mein Smartphone vibriert. Eine Nachricht von meiner Schwester. Sie haben einen Termin in der Botschaft bekommen. Wenn alles gut geht, können meine Eltern und meine Schwester bald zu mir nach Deutschland kommen. Mein Herz hüpft. Ich sehe die Lichter in den Fenstern der Stadt. Ich bin Christin. Ich weiß, was Advent bedeutet. Es bedeutet Ankunft.

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Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.