1. Türchen im Familien-Adventskalender

Hakims Geschichte

1. Dezember: Hakims Geschichte

„Ohne meine Kinder bin ich nichts“

Mein Name ist Hakim, und ich komme aus Syrien. Meine Frau Alia, meine Söhne und ich waren glücklich dort – bis der Krieg kam. 2013 kam Alia bei einem Granatenangriff ums Leben. Ich wusste: Wenn meine Kinder und ich überleben wollen, müssen wir unsere Heimat verlassen. Aber meine Söhne waren damals noch sehr klein, fünf und neun Jahre jung. Sie hätten den Weg kaum geschafft. Also habe ich meinen Bruder gebeten, Esat und Jalil vorübergehend aufzunehmen, und mich auf den Weg gemacht. Über die Türkei, die Balkanroute, Ungarn und Österreich bin ich nach Deutschland gekommen. Ich glaubte, dass ich die Jungen schnell nachholen könnte, wenn alles geregelt sein würde. Aber das war kompliziert. Es hat lange gedauert, bis die Behörden festgestellt haben, dass ich ein Recht auf Asyl habe.

Jede Minute habe ich an meine Söhne gedacht. Telefonieren war selten möglich, oft gab es keine Telefonverbindung. Auf Facebook habe ich die schrecklichen Bilder aus meiner Heimat gesehen: Kämpfe in Aleppo, Verletzte, Tote.

Jalil, der Größere, konnte die Schule nicht mehr besuchen. Er und sein Bruder konnten überhaupt kaum das Haus verlassen. Später in Deutschland sind sie noch ein paar Wochen gelaufen wie kleine, alte Männer – sie hatten ja fast zwei Jahre nur in der Wohnung gesessen.

Einmal konnte ich einen ganzen Monat lang nicht herausbekommen, wie es ihnen geht. Mein Kopf war leer. Ich war mehrfach im Krankenhaus, weil ich nicht mehr leben wollte. Ohne meine Kinder bin ich nichts.

An diese Zeit will ich nicht mehr denken. In Hamburg hatte ich großes Glück: Viele Menschen haben mir geholfen, sie haben die entsprechenden Anträge gestellt, mit den Behörden gesprochen, mit Botschaften telefoniert, haben mir Mut gemacht. Endlich haben wir die Visa für meine Söhne bekommen. Eine Nacht mussten die Kinder mit ihrem Onkel noch auf einer Straße an der Grenze zum Libanon schlafen: Es fehlte ein Papier. Am 4. August 2015 sind sie in Beirut in ein Flugzeug gestiegen. Ich habe auf dem Frankfurter Flughafen auf sie gewartet. Bis zuletzt hatte ich nicht geglaubt, dass sie wirklich zu mir kommen, wir wieder zusammen sein würden.

Ich brauche nichts für mein Leben, nur die beiden.

Alle Geschichten dieses Adventskalenders sind reale Berichte realer Menschen. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.